Auf der Flucht – Moto Guzzi V9 Bobber

Die berühmtesten Fluchtszenen der Filmgeschichte sind rasante Verfolgungsjagden, atemberaubend schnell geschnitten, haarscharf verfehlt der Held die Karossen unaufmerksamer Verkehrsteilnehmer. So oder so ähnlich kann es einem ergehen, wenn man versucht, zu Mariä Himmelfahrt, oder Feragosto wie wir italophile sagen, eine Motorradtour auf einer der zahlreichen wunderschönen Routen durch Österreichs Bergwelt zu unternehmen. In unserem Fall hätte sich eine Seenrundreise durch das echte sowie das Salzburger Salzkammergut angeboten, hatten wir doch direkt an der Großalmstraße Quartier bezogen, wer die kennt weiß ihre Kurven zu schätzen, verführerisch wie jene der Loren.

Moto Guzzi V9 Bobber by Martin Swoboda Copyright Homolka for mipiace.at

Doch wenn schon im Morgengrauen Supersportler wie Familienkutschen den Gipfel stürmen, sich die Uferstraßen streitig machen vergeht einem rasch die Lust sich ins Getümmel zu werfen, eine Alternative ohne Massen muss her, schließlich suchen wir im Sommerurlaub Entspannung in der Natur, hektisches Gedränge haben wir ohnehin bald wieder zur Genüge in Berufs- und Stadtverkehr. Als hätte sie schon einen Plan, deutet die Moto Guzzi V9 Bobber mit ihrem fetten Vorderreifen gen Norden, weg vom See und den Bergstraßen, ins hügelige Alpenvorland, Hausruckviertel nennen es die Oberösterreicher. Oft gehört, kaum gesehen, also nichts wie hin.

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„Wir“ sind heute eine kleine Gruppe von vier reifen Bikern, Frauen und Kinder wollen an den See, sollen sie doch, sind heute wohl nicht ganz alleine mit dem Wunsch, die Kolonne hinunter an den Traunsee kann sich sehen lassen. Wir nehmen Kurs in die Gegenrichtung, von Neukirchen geht es das Aurachtal nach Norden, dutzende Motorräder kommen uns entgegen, die Piloten freudig erregt angesichts der nahen Serpentinen, dankenswerter Weise hält sich so der Grußaufwand in Grenzen. Wäre aber auch kein Problem, der fette Vorderreifen der Bobber verschiebt den Charakter der ansonsten wendigen, kleinen Guzzi in Richtung Cruiser, das mehr an rotierender Masse verbessert die Richtungsstabilität, Easy-Rider-Feeling macht sich breit. Erst recht nachdem wir bei Attnang-Puchheim die B1 passiert und die Zivilisation mehr oder weniger hinter uns gelassen haben, jedenfalls jene, die sich in Verkehrsdichte ausdrückt.

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Bis auf ein paar Ortschaften mit lustigen Namen bedeutet das also gleichmäßiges Cruisen, und selbst wenn uns mal wo leicht beeinträchtigte Gäste eines Zeltfestes langsamer werden lassen, bleibt der Schaltfuß faul. Ernesto auf seinem amerikanischen Schlachtschiff versucht mit der Nachricht Eindruck zu schinden, dass er stets im großen Gang führe, doch das kann die Guzzi genau so gut. Das gleichmäßig über das Drehzahlband verteilte Drehmoment und das perfekt darauf abgestimmte Getriebe waren schon bei der V7 ausgeprägte Stärken, die Neuner kann´s noch besser.

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Verantwortlich dafür ist natürlich der längere Hub, Grund genug bei einem gleichnamigen Hinweisschild einen Photostop einzulegen. Der nächste Ortsname, der, zum Leidwesen von Gianni, der morgens mühsam Wegpunkte in sein Geo Cache GPS eingegeben hatte, meine Aufmerksamkeit erregte und eine Routenänderung verursachte lautete „Weibern“, Alternativen wären „Buch“, „Himmelreich“ oder „Mösenedt“ gewesen, manchmal muss man halt rasch entscheiden.

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Oder auch nicht. Mit der Bobber kommt es ja eigentlich nicht darauf an, wohin, sondern dass man fährt. Sie zwingt einen zu nichts, eignet sich hervorragend zum entspannten Landstraßenwandern, lässt aber auch, wenn´s denn sein muss, auf Befehl die Sau raus, etwa wenn schnell mal ein entfesselt durch die Senke rasender Kleinbus überholt werden muss, der einem sonst die Freude an den folgenden Serpentinen rauben würde.

Da schaltet man auch gerne ein, zwei Gänge runter, lässt den VauZwei hochjubeln und macht sich aus dem Staub. Aggressionen kommen bei den Zurückgelassenen in den seltensten Fällen auf, eine Moto Guzzi versteht es wie nur wenige andere Marken stets wohlwollend wahrgenommen zu werden. Der Stil der Bobber mit dem dicken Gummi vorne drauf kommt interessanter Weise besonders bei jungen Damen gut an, wahrscheinlich hat das was mit dem Baby Schema zu tun, rund und knuddelig mögen sie ja angeblich gerne.

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Gerührt reagieren auch immer wieder ältere Herren, oft scheint es die Erinnerung an Bubenträume zu wecken, „ja schau, eine Guzzi“ quitiert auch der Besitzer der Steyer-Fiat Werkstätte und Shell Tankstelle in Unterreitbach unsere Ankunft. 1959 hat er eröffnet, den Fahrzeughandel offensichtlich eingestellt, als der FIAT Uno vom Punto abgelöst wurde, etliche Exemplare von ersterem zieren noch den Vorplatz, Pickerl werden sie wohl keines bekommen.

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Auch der Zustand der Zapfsäulen könnte bei einer gründlichen behördlichen Überprüfung Grund zur Beanstandung geben, immerhin überwacht die Gattin den gemächlichen Betankungsvorgang vom Fenster im ersten Stock, stellt sicher, dass der Gatte nicht versehentlich Diesel ausschenkt, bezahlt wird dann schließlich und endlich fast ein wenig enttäuschend doch nicht in Schilling.

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Nachdem wir die Gegend, in der fast alle Orte mit Nachnamen „an der Trattnach“ heißen, wir taufen den Fluss daraufhin den Amazonas des Hausruckviertels, verlassen haben macht sich Hunger bemerkbar. Am malerischen Hauptplatz von Waizenkirchen kehren wir ein, vom Pizzastrudel welchen die Chefin gerade mit ihren Kindern verzehrt rät sie uns ab, „misslungen“ behauptet sie, die Kleinen widersprechen. Dafür spielt der empfohlenen Spezialtoast alle Stückerln, bietet alles was die Landwirtschaft im Hausruck hervorbringt. Platz hat sie ja genug, die Hügellandschaft wirkt endlos, Wasser gibt´s wohl auch genug, die Donau soll keine zehn Kilometer mehr entfernt sein.

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Zu sehen ist davon nichts, erst als die schmale Landstraße nach Haibach ob der Donau unvermittelt in einen dichten Wald hinabtaucht erscheint die Behauptung glaubwürdig. Höchste Zeit, wieder mal die sportlichen Talente der V9 in Anspruch zu nehmen, hurtig wedelt sie durch den dichte Forst, dank der ebenbürtigen Brembos kommen wir gerade noch rechtzeitig vor dem zarten Geländer zum Stillstand das Land von Fluss trennt.

Der Fluss scheint hier direkt aus dem Festlandsockel des Mühlviertels zu entspringen, die letzte der Schlögener Donauschlingen besteht aus zwei neunziggrädigen Haken, die Aida A-Rosa Spontan taucht genau so auf, wie ihr Name verspricht. An der Ablegestelle der Überfuhr warten ein paar Rad- und BMW Fahrer in Funktionskleidung, unsere Ankunft wird mit freundlicher Neugier aufgenommen, nur das Pärchen auf einer R1200 Cruiser schaut etwas indigniert.

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Passt zu ihrem Bike, schaut aus, als hätten es die Bayern extra für Papst Benedikt designt. Die, nun ja, Fähre selbst ist auch nicht viel massiver, eine motorisierte Zille von etwas mehr als drei mal sieben Metern lässt ihre Rampe rasselnd aufs Südufer platschen. Ich lasse meinen alten und neuen Freunden den Vortritt, möchte ich doch gerne die Guzzi von vorne gegen den Strom photographieren, dass die Mitreisenden das für Höflichkeit halten soll nicht weiter stören.

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Dass ich dadurch als letzter das wankende Schinakkel verlassen werde hingegen schon. Denn die mächtigen Wellen, welche die Aida verursacht hat, lassen die breitseits angelegte Zille noch minutenlang heftig schwanken, der Pilot des Papamobils hat seine liebe Not das weiße Ungetüm im Gleichgewicht zu halten. Das verliert er erst in dem Moment, als ich an ihm vorbei an Land stürmen will, er findet Halt an meinem Rückspiegel, nur kurz allerdings, dan hält er ihn verdutzt in der Hand.

Nein, abgebrochen ist er nicht, er hat sich nur aus der Halterung gelöst, weiter kein Problem, wenn man einen 21er Schlüssel dabei hat und einen 19er zum Gegenhalten. Nein, wir eh auch nicht, also kurzer Abstecher zu Gill in Linz, der das Problem blitzschnell und unbürokratisch in eine spontane Cafépause verwandelt. Tante Grazie noch mal!

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Von der Fähre schlängelt sich wieder eine dieser phantastischen schmalen Landstraßen durchs Tal der Kleinen Mühl aufs hügelige Hochplateau des Mühlviertels, und auch da oben verliert die Streckenführung nichts von ihrem Schwung. Leider wird es langsam Zeit den Kurs wieder in Richtung Heimat zu ändern, dass wir für die Rückfahrt keine Koordinaten in das Garmin Pokemon Suchgerät eingegeben haben macht dabei gar nichts.

Als wir uns zwischen Ober- und Unterhart in die Bundesstraße einfädeln schiebt sich schon unsere Peilmarke für den Rückweg ins Bild. Majestätisch weist uns der Traunstein den Weg, die nächste Stunde ignorieren wir Straßenschilder und Pfeile im Display, einzig, dass der Berg immer grösser wird reicht uns als Bestätigung, dass wir uns am richtigen Weg befinden. Und dass wir bald am Ziel, dem See, sind, erkennen wir unschwer am auf den letzten Kilometern haarsträubenden Rückreiseverkehr.

Hatten wir schon ganz vergessen, Maria Himmelfahrt und Badewetter, da hilft nur gemütlich in die andere Richtung Bobbern!

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